ERICH CHRISTIAN WITTMANN und GERHARD MÜLLER, Dortmund

Wann ist ein Beweis ein Beweis?


 

Der französische Mathematiker R. Thom hat in seinem berühmten Vortrag anläßlich des 2nd International Congress on Mathematical Education in Exeter 1972 deutlich gemacht, daß jede Konzeption von Mathematikunterricht unvermeidlicherweise auf einem bestimmten Bild von Mathematik beruht (Thom 1973: 204). Mathematikdidaktik kann folglich nur in engster Beziehung zur Wissenschaft ,Mathematik" betrieben werden. Dabei genügt es aber nicht, sich an dem sozusagen ,,offiziellen" Mathematikbild zu orientieren, das in Vorlesungen, Vorträgen, mathematischen Zeitschriften und Lehrbüchern vermittelt wird. Notwendig ist vielmehr eine grundsätzliche und umfassende Auseinandersetzung mit der Mathematik als einem Kulturphänomen, in die auch wissenschaftsgeschichtliche, wissenssoziologische, bildungsphilosophische und psychologische Aspekte einbezogen werden müssen. Nur ein derartig erweiterter Blickwinkel erlaubt es, das unter dem ,,offiziellen" Bild liegende ,,eigentliche" Bild der Mathematik freizulegen und für die Mathematikdidaktik nutzbar zu machen.

Dieser erweiterte Blickwinkel ist in der Lehrerbildung nicht nur nötig, um im Rahmen der didaktischen Ausbildung ein angemessenes Metawissen von Mathematiklehrern über ihr Fach entwickeln zu können, sonder auch, um ein produktives Verhältnis von Lehrern zur Schul- und Elementarmathematik aufzubauen. Im Zusammenhang mit Untersuchungen zur Professionalisierung des Lehrerberufs ist im vergangenen Jahrzehnt überzeugend herausgearbeitet worden, daß die Schulmathematik nicht einfach ein Abfallprodukt der Universitätsmathematik ist, sondern wegen vielfältiger, nicht auf die blanke mathematische Form reduzierbarer Aspekte einen relativ eigenständigen Charakter besitzt (Otte/Keitel 1979, Steinbring 1986, Dörfler/ MeLone 1986). Was die Lehrerausbildung anbelangt, ist diese neue Sichtweise der Schulmathematik hauptsächlich für die mathematikdidaktischen Studien in der ersten Ausbildungsphase, für die schulpraktische Ausbildung der zweiten Phase und für die Lehrerfortbildung diskutiert worden (Seeger/Steinbring 1986). U. E. müssen aber auch Konsequenzen für die mathematische Ausbildung der ersten Phase gezogen werden, und zwar derart, daß spezifisch elementarmathematische Studienanteile ausgewiesen werden, in denen Lehrerstudenten die Mathematik in einer für den Bildungsauftrag des Mathematikunterrichts und für die Psychologie des mathematischen Lernens relevanten Weise erfahren können, d. h. inhaltlich-anschaulich, prozeßhaft und sinnstiftend. Unsere Auffassungen hierzu haben sich bei unseren mehr als zehnjährigen Bemühungen um eine inhaltliche Studienreform allmählich entwickelt und für den Bereich der Elementargeometrie in Wittmann 1987 erstmals in größerem Umfang eine konkrete Form angenommen.

Im vorliegenden Beitrag möchten wir einen zentralen Aspekt einer so verstandenen Elementarmathematik herausarbeiten, nämlich das Konzept eines inhaltlich-anschaulichen Beweises. Das Thema ,,Beweisen" ist in der Mathematikdidaktik während der siebziger und achtziger Jahre intensiv bearbeitet worden (vgl. hierzu die sorgfältig zusammengestellte Bibliographie in Stein 1981 sowie Winter 1983a und Stein 1985). Einen neuen Akzent hat hier das Buch ,,Rigorous Proof in Mathematics Education" von Gila Hanna (1983) gesetzt, in dem erstmalig in größerem Zusammenhang didaktische Folgerungen aus der wissenschaftsgeschichtlichen und philosophischen Kritik an der formalistischen Grundlegung der Mathematik gezogen worden sind, die 1963 mit Lakatos" ,,Proofs and Refutations" eingesetzt und in den siebziger und achtziger Jahren bedeutend an Boden gewonnen hat. Wir möchten im folgenden in Anknüpfung an diese Formalismuskritik zunächst an einigen Fallstudien zeigen, wie weit ein formalistisches Beweisverständnis heute noch unter Lehrern und Studenten verbreitet ist und wie zögernd inhaltlich-anschauliche Beweise angenommen werden. Im zweiten Abschnitt unseres Beitrags möchten wir zu einer weiteren Entmystifizierung des Formalismus beitragen, indem wir Selbstzeugnisse großer Mathematiker zitieren, aus denen hervorgeht, welche hohe Bedeutung inhaltlich-anschauliche und soziale Aspekte nicht nur für das Finden von Beweisen, sondern auch für die Bewertung ihrer Stichhaltigkeit haben. Im letzten Abschnitt wollen wir daraus Folgerungen für die Entwicklung einer Elementarmathematik auf inhaltlich-anschaulicher Grundlage ziehen.

 

1. Beweise und ,,Beweise"

In der formalistischen Sicht der Mathematik, wie sie sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat, ist die Mathematik geradezu definiert als die Wissenschaft der strengen Beweise, d.h. der rein logischen Ableitung von Begriffen aus Grundbegriffen und von Sätzen aus Axiomen. So schreibt z. B. Pickert (1957: 49):

,,Glücklicherweise hat nun die Grundlagenforschung der Mathematik - und zwar eigentlich erst in diesem Jahrhundert - einen Begriff des mathematischen Beweises entwickelt, der von jeder Anschauung frei ist. Von diesem Begriff, den ich an einigen einfachen Beispielen erläutere, gehe ich aus und versuche, an weiteren Beispielen zu zeigen, welche Hilfsmittel zur besseren Beherrschung mathematischer Beweise zur Verfügung stehen, also das Mitteilen und Wiederfinden, darüber hinaus auch das Auffinden der Beweise erleichtern. Diese Hilfsmittel insgesamt möchte ich - in diesem Zusammenhang - als Anschauung bezeichnen. Allerdings habe ich damit von vornherein der Anschauung ihren Platz zugewiesen: Wir lassen uns wohl von ihr leiten, dürfen uns aber nicht auf sie verlassen; entscheidend für die Gültigkeit eines Beweises ist lediglich das, was nach Beseitigen aller anschaulichen Hilfsmittel übrig bleibt. Ich glaube, diesen Standpunkt aus den folgenden Gründen einnehmen zu dürfen: Einmal sehe ich nicht, wie man auf andere Weise - also unter wesentlicher Benutzung der Anschauung - die Gültigkeit von Beweisen allgemeinverbindlich entscheiden könnte; zum anderen scheint mir der hier vorgetragene Standpunkt die heute herrschende Meinung unter den Mathematikern wiederzugeben."

Noch zugespitzter drückt sich MacLane (1981: 465) aus:

,,Der Gebrauch deduktiver und axiomatischer Methoden rückt die Aufmerksamkeit auf eine außergewöhnliche Leistung von fundamentaler Bedeutung: die Formulierung eines exakten Begriffs von absoluter Strenge. Ein solcher Begriff beruht auf einer expliziten Formulierung der Regeln der Logik und ihrer konsequenten und peinlich genauen Anwendung bei der Ableitung streng formulierter Sätze aus vorgegebenen Axiomen. Darüber hinaus kann jede Ableitung für sich überprüft und verstanden werden, ohne daß man auf Beispiele oder reale Bedeutungen der Axiome zurückgreifen muß.... Dieser formale Charakter der Mathematik ist geeignet, sie von allen anderen Wissenschaften zu unterscheiden. Sobald die Axiome und die Regeln formuliert sind, wird alles andere darauf aufgebaut, ohne Bezug zur Realität, zur Intuition oder zu Experimenten. ... Ein absolut strenger Beweis wird selten explizit ausgeführt. Die meisten mündlich oder schriftlich gegebenen mathematischen Beweise sind einfach Skizzen, die genügend Details liefern, um einen absolut strengen Beweis zu konstruieren. Solche Skizzen dienen dazu, die Überzeugung zu wecken, daß das Ergebnis richtig und der Ausbau zu einem absolut strengen Beweis möglich ist. Wegen der Überzeugung, die von Beweisskizzen herrührt, glauben viele Mathematiker, daß die Mathematik den Begriff der absoluten Strenge nicht benötigt und daß wirkliches Verständnis durch Strenge nicht erreicht wird. Ich setze dagegen, daß der Begriff der absoluten Strenge uneingeschränkt steht." Während sich MacLane ähnlich wie Pickert veranlaßt sieht, intuitiven Aspekten eine bestimmte Bedeutung für die praktische Arbeit und für die Bewertung von Beweisen beizumessen, vertritt der Logiker Rosser (1953: 8) einen kompromißlosen Standpunkt:

,,Somit kann ein Mensch mit elementaren Rechenfertigkeiten die Beweise der schwierigsten mathematischen Sätze nachprüfen, vorausgesetzt, daß die Beweise mit den Mitteln der symbolischen Logik dargestellt sind. Der Grund liegt darin, daß in der symbolischen Logik Ableitungen nur von der Form der Aussagen und überhaupt nicht von ihrer Bedeutung abhängen. Das heißt nicht nur, daß es nun leichter wird, den Beweis eines schwierigen Satzes zu entdecken. Dafür ist das gleiche hohe Maß mathematischer Begabung nötig wie zuvor. Wenn aber der Beweis erst einmal entdeckt und in der Sprache der symbolischen Logik formuliert ist, kann er von jedem Dummkopf überprüft werden."

Welche Rolle der Formalismus in Verbindung und in Konkurrenz mit anderen philosophischen Positionen gespielt hat und wie er sich nach außen zur ,,offiziellen" Philosophie der Mathematik entwickelt hat, ist in Davis/Hersh (1983: Kap. 7) sehr schön dargestellt. Diese beiden Autoren beschreiben auch, wie in den letzten Jahren, insbesondere unter dem Einfluß von Lakatos grundsätzlich andere Auffassungen an Boden gewonnen haben, in denen die Möglichkeit für absolut strenge und zeitlos gültige Beweise prinzipiell bestritten und Beweisen als sozialer Prozeß unter den Mathematikern verstanden wird:

,,Ein Beweis wird nur dadurch zu einem Beweis, daß er in einem sozialen Akt als solcher akzeptiert wird. Das gilt für die Mathematik genauso wie für die Physik, die Linguistik oder die Biologie. Die Entwicklung allgemein akzeptierter Kriterien zur Anerkennung einer Argumentationskette als Beweis ist ein Thema, das in der Wissenschaftsgeschichte so gut wie nicht behandelt worden ist" (Manin 1977: 48).

Wenn man noch einen Schritt weiter geht, wird man zur Möglichkeit unterschiedlicher Beurteilungskriterien für Beweise innerhalb verschiedener sozialer Kontexte geführt. Was für eine soziale Gruppe ein akzeptabler Beweis ist, braucht es für eine andere Gruppe nicht unbedingt auch zu sein. Dabei ist nicht nur an ,,levels of proofness" (Manin 1977: 49) in mathematisch unterschiedlich weit entwickelten Gruppen zu denken, sondern man muß auch mit qualitativ anderen Bewertungsmaßstäben rechnen, wie z. B. Blechman/Myschkis/Panovko (1984) für die angewandte Mathematik gezeigt haben.

Wir möchten nun an vier Fallbeispielen aus dem Schulunterricht bzw. der Lehrerausbildung zeigen, wie hinderlich eine formalistische Beweisauffassung für die Entwicklung eines für den jeweiligen sozialen Kontext angemessenen Beweisverständnisses sein kann. Der Schwerpunkt unserer Erfahrung liegt im Bereich der Primarstufe und der Sekundarstufe 1. Von unseren Kontakten mit SIT-Studenten bei elementarmathematischen und fachdidaktischen Veranstaltungen wissen wir aber, daß der Formalismus bei dieser Gruppe, wie zu erwarten, noch entschiedenere Parteigänger findet als bei Studenten der anderen beiden Stufen.

 

Beispiel 1: Chinesischer Restsatz

In einer Zahlentheorie-Vorlesung für Primarstufenstudenten wurde der Chinesische Restsatz für den Fall zweier Moduln behandelt. Einige Studenten fühlten sich überfordert und protestierten gegen die angebliche Sinnlosigkeit des Themas im Hinblick auf die Grundschule. Um dem Protest den Boden zu entziehen, wurde den Studenten erklärt, daß man im 3. Schuljahr auf dem Hintergrund des Restsatzes die Division mit Rest üben könne und daß einzelne Schüler durchaus in der Lage seien, Beispiele für den Restsatz strukturell zu erfassen. Zur empirischen Untermauerung dieser didaktischen Position wurde einige Wochen später Schülern eines 3. Schuljahres folgende Aufgabe gestellt:

,,Finde Zahlen, die den Rest 1 ergeben, wenn man sie durch 2 teilt, und den Rest 2, wenn man sie durch 3 teilt."

Selbstverständlich wurde die Aufgabe nicht in dieser kompakten Form vorgegeben, sondern an kleinen Zahlen im Klassengespräch erarbeitet. Insbesondere wurde die Zahl 5 als kleinste Zahl mit den geforderten Eigenschaften nachgewiesen (5 = 2 x 2 + 1, 5 = 1 x 3 + 2). Anschließend begannen die Schüler in Einzelarbeit, nach weiteren passenden Zahlen zu suchen. Schüler, die eine Reihe von Zahlen gefunden hatten, wurden angeregt, alle Lösungszahlen aufzuzählen.

Die Variationsbreite der Leistungen war beträchtlich. Einige Schüler hatten noch Mühe mit dem Rechnen, andere kümmerten sich nur um den Rest 2 modulo 3. Die beste Leistung des Schülers Henning, nach Aussage der Klassenlehrerin des ,,Mathematikers" der Klasse, ist im Faksimile wiedergegeben.

Henning hatte offenbar alle kleinen Zahlen systematisch durchmustert und die nach 5 kommenden Lösungszahlen 11, 17, 23 mit Restnachweis hingeschrieben. Dann erkannte er eine Gesetzmäßigkeit, die er mit ,,Weil 2 x 3 = 6 und 3 x 2 = 6" begründete. Aufgefordert, dieses subtil erscheinende Argument genauer zu erläutern, gab Henning sinngemäß folgende Antwort:

,,Wenn ich nur auf den Rest 1 achte, muß ich immer 2 weitergehen und treffe dann nur ungerade Zahlen. Wenn ich nur auf den Dreierrest achte, muß ich immer 3 weitergehen. Zusammentreffen kann ich nur nach 3 Zweiersprüngen und nach 2 Dreiersprüngen." Bemerkenswerterweise konnten die Studenten diese schöne Leistung, die u. E. eine stichhaltige inhaltlich-anschauliche Begründung der Lösung ist, nicht würdigen. Nach ihrer Meinung wäre für einen ,,richtigen" Beweis eine Kongruenzenrechnung, wie in der Vorlesung vorgeführt, nötig gewesen. Da Schüler dies offenbar nicht bringen könnten, so argumentierten die Studenten weiter, sei es auch sinnlos, dieses Thema in die Lehrerausbildung aufzunehmen.

 

Beispiel 2: Irrationalität von V2

Pickert (1987: 212) teilt folgende Überlegung eines Schülers zur Irrationalität von V2 mit:

,,Für teilerfremde a, b e N* sei (a/b)2 = 2, also a2 - 2b2 und daher b2 gemeinsamer Teiler von a2 und b2 wegen der Teilerfremdheit von a und b sind aber auch a2 und b2 teilerfremd, so daß b2 = 1, also a2 2 sein muß, was wegen a, b e N * unmöglich ist."

Pickert hält diese Überlegung nur für einen ,,Beweis, da der Schüler stillschweigend den Schluß ,,a, b teilerfremd => a, b teilerfremd" benutze, der in Ringen im allgemeinen nicht gilt. Wir können uns diesem formalistischen Standpunkt nicht anschließen, da sich der von dem Schüler benutzte Schluß im Ring der ganzen Zahlen unmittelbar aus der eindeutigen Primfaktorzerlegung ergibt, die dem Schüler aus der Behandlung der Teilbarkeit in Klasse 5 und dem Kürzen von Brüchen in Klasse 6 geläufig ist. U. E. ist die eindeutige Primfaktorzerlegung in dem Zahlbereich, in dem die Schüler seit der Grundschule vielfältige Erfahrungen erworben haben, ,,sozial geteiltes" Wissen, und der betreffende Schüler kann sich mit gutem Recht darauf berufen. Andere Ringe stehen in diesem Kontext überhaupt nicht zur Diskussion.

Davis/Hersh (1983: Kap. 6) stellen in einem Abschnitt über ,,Vergleichende Ästhetik" dem traditionellen Beweis für die Irrationalität den folgenden Beweis II gegenüber:

,,Wie im üblichen Beweis nehmen wir an, es sei p2 = 2q2. Jede Zahl kann in Primfaktoren zerlegt werden, und wir nehmen an, dies sei für p und q durchgeführt worden. Daher gibt es in p2 eine bestimmte Zahl von doppelt auftretenden Primzahlen (wegen p2 = p x p). Und in q2 gibt es ebenfalls eine bestimmte Zahl von doppelt auftretenden Primzahlen. Aber (aha!) in 2 q2 steht eine 2, die keinen Partner hat. Widerspruch."

Die Autoren merken dann an:

,,Wir haben keine Zweifel, daß neun von zehn professionellen Mathematikern Beweis II als eine höhere Stufe ästhetischer Befriedigung ansehen würden. Warum? Weil er kürzer ist? (Es ist ehrlicherweise anzumerken, daß wir ein paar formale Details weggelassen haben). Weil Beweis 1 in seiner betont unbarmherzigen Logik vergleichsweise schwerfällig wirkt? Die Antwort beruht unserer Meinung nach darauf, daß Beweis II den Kern der Sache trifft, während Beweis 1 ihn versteckt, indem er von einer falschen Voraussetzung ausgeht und mit einem Widerspruch endet. Beweis II stellt den ,wahren" Grund heraus. Somit hängt die ästhetische Komponente mit der klareren Einsicht zusammen."

 

Beispiel 3: Eulerscher Polyedersatz

In einer Vorlesung ,,Raumgeometrie" für Primarstufenstudenten wurde der Eulersche Polyedersatz für konvexe Polyeder dadurch bewiesen, daß mit Hilfe einer Gummihaut eine inhaltlich-anschauliche Vorstellung vom Schlegel-Diagramm eines konvexen Polyeders vermittelt und anschließend die Beziehung E + F - K = 2 am Schlegel-Diagramm operativ begründet wurde (Wittmann 1987: 270 ff). Nach Beendigung der Beweisführung meldete sich die Studentin Birgit Th. zu Wort und stellte die Frage, ob das denn wirklich ein Beweis sei. Auf die Rückfrage ,,Warum denn nicht?" kam die überraschende und u. E. didaktisch außerordentlich lehrreiche Antwort:

,,Weil ich es verstanden habe."

Wie sich in einem späteren Gespräch herausstellte, hatte sich Birgit in ihrem formalistisch geprägten Gymnasialunterricht mehr und mehr damit abgefunden, daß ihr Beweise und mit ihnen die Mathematik überhaupt unzugänglich seien. Nach unseren Erfahrungen ist Birgit keineswegs ein Einzelfall, sondern steht für eine große Zahl von Schülern und Studenten.

 

Beispiel 4: Trapezzahlen

Erfahrungen wie in Beispiel 3 haben uns veranlaßt, das Mathematikbild unserer Studenten systematischer zu erforschen. Wir versuchen dazu, inhaltlich-anschauliche Beweise von Sätzen mit formalen Beweisen zu konfrontieren und die Studenten zu einer Bewertung herauszufordern.

In diesem Sinn wurden z. B, in einer Zahlentheorie-Vorlesung, wiederum für Primarstufenstudenten, zahlentheoretische Beziehungen nach altgriechischem Vorbild mit Hilfe von Punktmustern hergeleitet (,,Steinchen-Arithmetik", vgl. hierzu Becker 1954: 34ff).

Ausgehend von den Quadratzahlen

  usw.   Qn = n²,

und den Dreieckszahlen

  usw.   Dn = n (n+1) / 2,

wurden Trapezzahlen als Zusammensetzung von Quadrat- und Dreieckszahlen definiert:

  usw.   Tn = n2 + (n - 1)n/2 = (3n2 - n)/2.

Für den Satz, daß Tn und n bei der Division durch 3 dieselben Reste haben, wurde der folgende ,,ikonische" Beweis gegeben:

Man zerlegt in der Trapezzahl Tn die unterste Zeile mit n Punkten von rechts her in Dreierbündel und trennt darüber durch vertikale Striche ,,Dreiersäulen" ab. Jede Dreiersäule läßt sich offensichtlich vollständig in Dreierbündel zerlegen. Ist nun n selbst ein Vielfaches von 3 (Fall 1), so zerfällt Tn vollständig in Dreierbündel und ist also auch ein Vielfaches von 3. Besitzt aber n den Rest 1 bei der Division durch 3 (Fall 2), dann bleibt bei der Abtrennung von Dreiersäulen links eine Einersäule mit n Punkten übrig, und man sieht sofort, daß Tn ebenfalls den Dreierrest 1 hat. Analog sieht man, daß Tn den Dreierrest 2 hat, wenn n bei Division durch 3 den Rest 2 hat (Fall 3).

Im Anschluß an diesen Beweis, der ohne schriftliche Fixierung an drei schematisch dargestellten typischen Punktmustern vorgeführt wurde, meldeten einige Studenten Zweifel an, ob dieser ikonische Beweis wirklich ein Beweis sei. Es kam zu einer längeren Diskussion, in die sich immer mehr Studenten einschalteten. Die Meinung der Gruppe tendierte sehr schnell mit Entschiedenheit dahin, daß es sich dabei lediglich um die bildliche Veranschaulichung von Spezialfällen handele, der keine Beweiskraft zukommen. Der Dozent schrieb daraufhin folgenden ,,symbolischen Beweis" an:

Fall 1: Sei n = 3k. Dann gilt Tn = (3n2 C n)/2 = n(3n C 1)/2 = 3k(9k C 1)/2, und da k oder 9k C 1 gerade ist, ist; (wie n) durch 3 teilbar.

Fall 2: Sei n = 3k + 1. Dann gilt Tn = (3(9k2 + 6k + 1) C (3k + 1))/2 = (27k2 + 15k + 2)/2 = (27k2 + 15k)/2 + 1 = 3k(9k + 5)/2 + 1, d.h. Tn hat (wie n) den Dreierrest 1.

Fall 3: Sein n = 3k + 2. Dann gilt Tn = (3(9k2 + 12k + 4)C (3k + 2))/2 = (27k2 + 33k + 10)/2 = 3(9k2 + 11k + 2)/2 + 2, d.h. Tn hat (wie n) den Dreierrest 2.

Ausgehend von dieser Gegenüberstellung, entwickelte sich eine angeregte Diskussion über die beiden Beweise, in welcher der Dozent den ,,ikonischen" Beweis als stichhaltigen Beweis verteidigte.

Als Übung erhielten die Studenten die Aufgabe, beide Beweise bzw. ,,Beweise" zu vergleichen und zu bewerten. Die Auswertung der Antworten zeigte insgesamt deutlich, wie stark viele Studenten von ihrer Schulzeit her in Richtung symbolischer Beweise festgelegt sind und wie schwer es ihnen fällt, sich auf ikonische Beweise einzustellen. Zur Illustration einige Auszüge aus den Antworten.

,,Der ikonische Beweis ist für mich anschaulicher und macht mir die Problemstellung erst richtig klar. Die Schlüsse, die man aus den Zeichnungen ziehen kann, leuchten mir ein und reichen mir als Beweis völlig aus. Der ikonische Beweis ist mir leider aus der Schule her weniger vertraut. ... Den symbolischen Beweis kenne ich aus der Schule besser."

,,Für mich ist der ikonische Beweis leichter und schneller zu durchschauen als der symbolische Beweis. Das liegt daran, daß er viel anschaulicher ist als der symbolische. Den symbolischen Beweis versuche ich nachzurechnen und nachzuvollziehen. Die Rechnung steht dann aber für sich, ohne daß ich direkt etwas damit verbinde."

,,Der symbolische Beweis hat den Vorzug, daß er mathematischer ist." ,,Den ikonischen Beweis finde ich am anschaulichsten. Er zeigt deutlicher, wenn n durch 3 teilbar ist, so auch Tn und umgekehrt. Zwar ist dies kein Beweis, bei dem man für n beliebig große Zahlen einsetzen kann und anhand dieser den Beweis durchführen kann, da der Aufwand der Darstellung zu groß wäre; jedoch läßt es sich für kleinere Zahlen durch Zeichnen von Dreiersäulen schön erklären."

,,Der ikonische Beweis ist sehr anschaulich. Man versteht den Zusammenhang, aus dem sich die Behauptung ergibt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es ein Gegenbeispiel geben könnte, weil es unerheblich ist, wie viele Dreiersäulen man bilden kann. Meiner Meinung nach ist es aber kein Beweis, sondern eine Begründung, die aber für alle n gilt. In der Schule habe ich gelernt, daß nur ein symbolischer Beweis ein Beweis ist. Deshalb vertraue ich solchen Beweisen mehr. Da er sich aber auf ,,Herumrechnen" beschränkt, verliert man leicht den Blick für das, was man eigentlich beweisen will. Die Gegenüberstellung der beiden Beweise halte ich für sehr sinnvoll." ,,Der ikonische Beweis ist leichter zu verstehen und anschaulicher als der symbolische. In der Schule gab es hauptsächlich symbolische Beweise. Ikonische Beweise waren allenfalls Hilfsmittel, um auf die symbolischen Beweise zu kommen. Dieses Gefühl hat sich bis heute in mir gehalten." ,,Der symbolische Beweis wird von mir bevorzugt, da ich in der Schule in erster Linie mit symbolischen Beweisen konfrontiert wurde. Durch diese Beweise wird eine Allgemeingültigkeit erzielt. Der ikonische Beweis ist anschaulicher, was sicherlich einen Vorteil in der Grundschule mit sich bringt. Ich für mich sehe in ihm mehr eine Beispielsfunktion" eine Verdeutlichung des symbolischen Beweises."

,,Der symbolische Beweis ist mathematischer. Bei diesem Beweis muß man mehr mitdenken und hinterfragen, da einige Formeln mit hineinspielen, die man erst einmal kennen und auf die man kommen muß. Bei dem ikonischen Beweis kann man Schritt für Schritt verfolgen, und jeder Schritt ist auf Anhieb einleuchtend. Allerdings hätte ich in einer Klausur Bedenken, ob ein solcher ikonischer Beweis als Beweis anerkannt würde." ,,Persönlich gefällt mir der ikonische Beweis besser, da er anschaulicher ist. Man sieht sofort, worum es geht, während man bei dem symbolischen Beweis abstrakter denken muß. Man weiß die Formel und entwickelt durch logisches Denken (?) den Beweis, hat aber keinen direkten Bezug zu den Zahlen. Den symbolischen Beweis sehe ich mehr als Beweis an, da ich in der Schule nur mit solchen Beweisen konfrontiert wurde und weil er mathematischer ist."

,,Der symbolische Beweis ist mir aus der Schule bekannter. Daher kann ich persönlich besser mit ihm umgehen."

,,Ich bevorzuge den ikonischen Beweis aufgrund seiner Anschaulichkeit. Der symbolische Beweis ist mir zu abstrakt. Auf den ikonischen Beweis wäre ich eventuell selbst gekommen. Trotzdem versucht man immer, zu einem symbolischen Beweis zu kommen. Vermutlich aufgrund des Mathematikunterrichts."

,,Durch den Mathematikunterricht an der Schule und der Uni geprägt, würde ich eher den symbolischen Beweis vorziehen. Allerdings ist der ikonische Beweis viel einleuchtender, weil weniger abstrakt und daher viel eher nachvollziehbar. Bis jetzt war mir die ikonische Beweisführung so gut wie unbekannt."

,Normalerweise halte ich symbolische Beweise für glaubwürdiger, da sie mit allgemeingültigen ,Zahlen" (Platzhaltern) geführt werden, d.h. sie treffen in jedem Fall auf jede Zahl zu. Bei diesem Beweis finde ich auch die ikonische Art glaubwürdig. Sie ist anschaulicher und die Beweisführung geht hieraus genau und deutlich hervor."

,Der ikonische Beweis ist mir auch mathematisch genug C ich mißtraue ihm nicht!! Unter anderem denke ich, daß ich Grundschulkindern auch eher über die Anschauung Dinge deutlich machen und begründen kann. Den Sinn von symbolischen Beweisen, insbesondere, wenn sie noch , ,mathematischer" werden, sehe ich für mich und für die Zielsetzung meines Studiums der Didaktik der Mathematik nicht unbedingt. Der Praxisbezug fehlt mir!"

Was sich hier in einzelnen Äußerungen zeigt, wird durch unsere Erfahrungen in der Lehrerausbildung durchgehend bestätigt: Die übergroße Mehrheit von Lehramtsstudenten aller Stufen bringt von der Schule her eine ausgeprägte formalistische Beweisauffassung mit (vgl. hierzu auch Aner u. a. 1979). Es ist klar, daß sich hierin nur das ,,offizielle" Mathematikbild wiederspiegelt, das in der Lehrerausbildung vorgeherrscht hat und auch heute noch vorherrscht. Branford (1913: 328) hat dieses Problem bereits deutlich erkannt:

,,Ich glaube, es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Lehrer fest überzeugt ist, daß sich die Mathematik von allen anderen Wissenschaften nicht so sehr durch das Maß an Strenge unterscheide, als vielmehr dadurch, daß der mathematische Beweis absolut streng, dagegen ein anderer Beweis nur angenähert streng sei."

Branford fährt fort:

,,Das Unheil, welches dieser Glaube auf allen Stufen des mathematischen Unterrichts angerichtet hat, ist, glaube ich, ganz unberechenbar." Die negativen Folgen eines formalistischen Beweisverständnisses können in der Praxis des Unterrichts (und der Lehrerbildung) ganz unterschiedlich ausgeprägt sein: Lehrer, die pädagogisch oder pragmatisch denken, und Lehrer, die der höheren Mathematik gegenüber negativ eingestellt sind, verzichten auf eine planmäßige Einführung in das Beweisen, weil sie ,,mathematische" Beweise als für ihre Schüler zu schwer ansehen. Sie bieten stattdessen Veranschaulichungen, Plausibilitätsbetrachtungen, empirische Verifikationen und an Beispielen erläuterte Regeln, die bestimmte Aufgabenfelder erschließen. Lenné (1969: 51) hat diese Position treffend als ,,Aufgabendidaktik" bezeichnet. Demgegenüber versuchen Lehrer, die auf ,,mathematische Strenge" bedacht sind, im Unterricht formale Definitionen und Beweise zu Geltung zu bringen, auch wenn sie in der Praxis vielfach nicht über formale Sprechweisen und flache Abstraktionen hinauskommen. Systematische Versuche in dieser Richtung hat es vor allem in der Zeit der ,,Neuen Mathematik" gegeben. Da die formale Universitätsmathematik hier als direktes Vorbild gedient hat, ist dieser Ansatz zu Recht als ,,Abbilddidaktik" (Andelfinger/ Voigt 1986: 3) bezeichnet worden.

Im Gegensatz zur Aufgaben- und Abbilddidaktik ist in der genetisch orientierten Mathematikdidaktik das Konzept des inhaltlich-anschaulichen Beweises aufgegriffen und entwickelt worden. Branford" einer der Hauptvertreter dieser Richtung, unterscheidet neben experimentellen ,,Beweisen (typisch für die Aufgabendidaktik) und wissenschaftlichen Beweisen (typisch für die systematisch-deduktiv durchorganisierte Universitätsmathematik und die Abbilddidaktik) ein tertium, nämlich ,,intuitiv-anschauliche" Beweise (Branford 1913: 100ff, 239ff). Über letzteren Typ, der ihm für die Entwicklung mathematischen Verständnisses unentbehrlich ist, führt er folgendes aus:

,,Diese Beweisstufe stellt allgemeine und streng gültige Wahrheiten auf, beruft sich dabei aber, wenn es nötig wird, auf Postulate der sinnlichen Erfahrung. Sie stellt die Wahrheit auf eine unabhängige eigene Basis durch unmittelbare Berufung auf erste Prinzipien. Sie stellt die Wahrheit nicht dar als bloßes Glied in einer systematischen Kette von Argumenten, wo die wirksame Strenge des Zusammenhangs abgeschwächt wird durch die Zahl der vorher aufgestellten Wahrheiten, welche die Glieder der Kette bilden" (103) ... Dem experimentellen ,,Beweis" ,,stehen nun die anderen Beweisarten gegenüber, die wissenschaftliche und die durch Intuition, wobei letztere eine mehr vorläufige und weniger strenge Art des idealen wissenschaftlichen Beweises ist; in Wirklichkeit gibt es keine scharfe Grenzlinie zwischen diesen beiden Beweisarten, sie zeigen nur einen Unterschied in dem Grad logischer Strenge. Die durch diese beiden Beweisarten gewonnenen Wahrheiten sind allgemeingültig, soweit wir urteilen können (die sinnliche Erfahrung müßte uns ja sonst Ausnahmen zeigen)" (108f).

Branford arbeitet hier mit völliger Klarheit heraus, daß die Grenzlinie zwischen ,,Beweisen" und Beweisen nicht zwischen ,,experimentellen" und ,,intuitiv-anschaulichen" Beweisen einerseits und rein logischen Beweisen andererseits verläuft, sondern zwischen experimentellen ,,Beweisen" einerseits und den beiden anderen Beweisarten andererseits zu ziehen ist. Diese Position ist in der Folgezeit immer stärker untermauert worden, wobei vor allem H. Freudenthal fundamentale Beiträge zu verdanken sind (Freudenthal 1963, 1973: Kap. 8, 1979). Den entscheidenden Unterschied zwischen experimentellen ,,Beweisen" und inhaltlich-anschaulichen Beweisen haben die operativen Beweise der ,,Prämathematik" (Semadeni 1974, Kirsch 1979, Winter 1983b, Walther 1984) sehr schön herausgearbeitet: Die experimentellen ,,Beweise" bestehen in der Verifikation einer endlichen Zahl von Beispielen, was natürlich keine Allgemeingültigkeit sichert. Inhaltlich-anschauliche, operative Beweise stützen sich dagegen auf Konstruktionen und Operationen, von denen intuitiv erkennbar ist, daß sie sich auf eine ganze Klasse von Beispielen anwenden lassen und bestimmte Folgerungen nach sich ziehen. Zum Beispiel ist die Zerlegung einer im Punktmuster dargestellten Trapezzahl in Dreiersäulen eine für Trapezzahlen universell anwendbare Operation, die genau überblickbare Konsequenzen für das Dreierrestverhalten der Trapezzahl hat. Das Punktmuster fungiert hier gar nicht als Bild, sondern als Symbol (vgl. Jahnke 1984).

Trotz ihres fortgeschrittenen Entwicklungsstandes hat sich die genetische Position bisher in Unterricht und Lehrerbildung nicht in der Breite durchsetzen können. U. E. liegt der Hauptgrund darin, daß inhaltlich-anschauliche Begriffsentwicklungen und Beweise vom Standpunkt des Formalismus aus inhomogen, unsystematisch, unsauber und nicht stichhaltig erscheinen. Viele Lehrer, Lehrbuchverfasser und auch Hochschullehrer scheuen vor Darstellungen zurück, die vom ,,offiziellen" Standpunkt aus als fachliche Inkompetenz ausgelegt werden könnten. Eine Änderung dieses Zustandes kann nur in dem Maße erwartet werden, in dem der Formalismus als offizielle Philosophie der Mathematik überwunden wird und gleichzeitig in der Mathematikdidaktik zusammenhängende inhaltlich-anschauliche Konzeptionen der Elementarmathematik entwickelt werden. Darauf gehen wir in den folgenden Abschnitten ein.

 

2 Der Formalismus als Fiktion: Die Unentbehrlichkeit von Intuition und sozialer Verständigung bei der Überprüfung von Beweisen

Wie eingangs schon erwähnt, vollzieht sich gegenwärtig in der Philosophie der Mathematik ein tiefgreifender Umbruch, der darin begründet ist, daß sich die arbeitenden Mathematiker selbst des Widerspruchs zwischen der formalistischen Position und den Erfahrungen bei ihrer Tätigkeit zunehmend bewußt werden. Insbesondere gewinnt die Auffassung an Boden, daß das Ideal des ,,absolut strengen" Beweises nicht aufrechtzuerhalten ist (Davis/Hersh 1983: Kap. 7, Hanna 1983). Wir möchten hierfür Selbstzeugnisse bekannter Mathematiker zitieren, die für ein Verständnis des Wesens und der Rolle von Beweisen in der Mathematik besonders aufschlußreich sind.

,,Ich bin immer der Meinung gewesen, ein Mathematiker sei in erster Linie ein Beobachter, jemand, der auf eine ferne Bergkette blickt und seine Beobachtungen aufschreibt. Seine Aufgabe ist einfach, so viele Gipfel wie möglich klar zu unterscheiden, während andere weniger klar sind. Er sieht A scharf, während er von B nur flüchtige Blicke erhascht. Schließlich macht er eine Kammlinie aus, die bei A beginnt, folgt ihr und entdeckt schließlich, daß sie in B gipfelt. Nun ist B in seinem Blick fixiert, und er kann von da aus weitere Entdeckungen versuchen. In anderen Fällen kann er vielleicht eine Kammlinie unterscheiden, die in der Ferne verschwindet, und er vermutet, daß sie zu einem Gipfel hinter den Wolken oder unterhalb des Horizontes führt. Aber wenn er einen Gipfel sieht, glaubt er an dessen Existenz, einfach weil er ihn sieht. Wenn er will, daß jemand anderes ihn sieht, zeigt er auf ihn, entweder direkt oder durch die Kette der Gipfel, die ihn selbst zur Entdeckung geführt hat. Wenn sein Schüler ihn auch sieht, ist die Forschung, die Begründung, der Beweis beendet.

Die Analogie ist grob, aber ich bin sicher, daß sie nicht völlig in die Irre führt. Wenn wir sie bis zum äußersten treiben, würden wir zu einer ziemlich paradoxen Schlußfolgerung geführt, nämlich, daß es streng genommen so etwas wie einen mathematischen Beweis nicht gibt; daß wir letzten Endes nichts anderes tun können als zeigen; daß Beweise das sind, was Littlewood und ich Gas nennen, rhetorische Floskeln, bestimmt dazu, psychologisch zu wirken. Bilder an der Tafel bei einer Vorlesung, Kunstgriffe, um die Vorstellung der Schüler anzuregen. Dies ist freilich nicht die ganze Wahrheit, aber es steckt ein gutes Stück Wahrheit darin. Der Vergleich gibt uns eine genuine Annäherung an die Prozesse des Lehrens von Mathematik und die Prozesse der mathematischen Entdeckung; nur wer nicht genügend Einblick hat, stellt sich vor, Mathematiker würden Entdeckungen machen, indem sie die Kurbel einer Wundermaschine bedienen. ...

Andererseits ist nicht zu bestreiten, daß die Mathematik voll von Beweisen unleugbarer Bedeutung und Wichtigkeit ist, deren Zweck nicht im geringsten darin liegt, Überzeugung zu sichern. Unser Interesse an diesen Beweisen hängt von ihren formalen und ästhetischen Eigenschaften ab. ... Hier sind wir nur an der Beweisstruktur interessiert. In unserer Praxis als Mathematiker, können wir natürlich nicht so scharf unterscheiden, und unsere Beweise sind weder das eine noch das andere, sondern ein mehr oder weniger rationaler Kompromiß zwischen beiden. Wir können die Struktur nicht völlig klarlegen, da dies viel zu aufwendig wäre, und wir können uns nicht damit zufrieden geben, daß ein Hörer nur die Richtigkeit des Beweises sieht, aber blind gegenüber der Schönheit seiner Struktur ist" (G. H. Hardy 1929: 18f).

,,Abschließend möchte ich meine Auffassung wiederholen, daß das, was wir in der Mathematik einen ,Beweis' nennen, nichts anderes als ein Test der Produkte unserer Intuition ist. Offenbar besitzen wir keinen Standard für Beweise, der vom Zeitgeschmack, vom Gegenstand oder von Personen bzw. wissenschaftlichen Schulen unabhängig ist C und wir werden ihn wahrscheinlich nie besitzen. Unter diesen Gegebenheiten sollte man vernünftigerweise zugeben, daß es in der Mathematik so etwas wie absolute Wahrheit nicht gibt, wie immer die Öffentlichkeit darüber denkt" (Wilder 1944: 319). ,,Das eigentliche Problem, dem sich der Mathematikunterricht gegenübersieht, besteht nicht darin, mathematisch streng zu sein, sondern darin, den behandelten mathematischen Objekten eine inhaltliche Bedeutung zu geben. Dies führt mich zu einer Betrachtung der alten Kriegsrösser der Reformer (vom kontinentaleuropäischen Schlag): Strenge und Axiomatik. Man weiß, daß jede Hoffnung, der Mathematik eine strenge formale Grundlage zu geben, durch den Satz von Gödel ein für alle Mal zerschlagen wurde. Aber wie es scheint, beeinträchtigt das die Mathematiker in ihrer Tätigkeit kaum. Warum? Weil ein Mathematiker in der Praxis niemals formal denkt. Der Mathematiker gibt jeder Aussage eine inhaltliche Bedeutung, und diese erlaubt es ihm, die formale Fixierung dieser Aussage innerhalb irgendeiner formalisierten Theorie zu vergessen. Die inhaltliche Bedeutung verleiht der Aussage einen ontologischen Status unabhängig von jeder Formalisierung. Man kann m. E. offen und ehrlich behaupten, daß die einzigen formalen Prozesse in der Mathematik numerische und algebraische Rechnungen sind. Kann man die Mathematik auf Rechnungen reduzieren? Sicher nicht, denn sogar in einer Situation, in der es nur um eine Rechnung geht, müssen die Schritte der Rechnung aus einer großen Zahl von Möglichkeiten ausgewählt werden. Und die Wahl wird nur durch die intuitive Interpretation der eingehenden Größen bestimmt. Somit ist die Betonung der Axiomatik durch die Reformer nicht nur eine pädagogische Verirrung (was offenkundig genug ist), sondern auch eine mathematische.

Meines Erachtens hat man aus der Hilbertschen Axiomatik nicht die wahre Lektion gelernt, die folgendermaßen lautet: Man gelangt zur absoluten Strenge nur durch die völlige Elimination von Bedeutung. ... Aber wenn man zwischen Strenge und inhaltlicher Bedeutung wählen muß, wähle ich ohne Zögern letztere. Dies hat man in der Mathematik immer getan, wo man fast immer in einer halb-formalistischen Form arbeitet, mit der nicht formalisierten Umgangssprache als Metasprache. Der ganze Berufsstand ist zufrieden und verlangt nach keiner Verbesserung. ... Ein Beweis eines Theorems T ist wie ein Pfad, der von gewissen allgemein geteilten Aussagen startet und durch eine Reihe von Schritten zu einem psychologischen Zustand führt, in dem T offenkundig erscheint. Die Strenge des Beweises C im üblichen, nicht im formalisierten Sinn C hängt von der Tatsache ab, daß jedem Leser jeder Schritt vollkommen klar ist, wenn er die in den vorhergehenden Stadien aufgebauten inhaltlichen Bedeutungen heranzieht. Wenn man in der Mathematik einen Beweis zurückweist, geschieht das meist, weil er unverständlich, nicht weil er falsch ist. Im allgemeinen rührt das daher, daß der Autor irgendwie von der Vision seiner Entdeckung geblendet wird und über Gebühr optimistische Annahmen über die gemeinsame Verständigungsbasis macht. Ein wenig später werden seine Kollegen das, was der Autor nur implizit ausgedrückt hat, explizieren und den Beweis durch Füllen der Lücken vervollständigen" (Thom 1973: 203f).

,,Wenn ich an einem Problemfeld interessiert bin, dann versuche ich einfach, es zu verstehen. Ich denke einfach längere Zeit darüber nach und versuche, tiefer und tiefer zu bohren. Wenn ich ein Verständnis erreicht habe, weiß ich, was richtig ist und was nicht.

Natürlich ist es auch möglich, daß man sich täuscht und daß man glaubt, es verstanden zu haben, und hinterher stellt sich heraus, daß man im Irrtum war. Aber im allgemeinen bekommt man ein Gefühl dafür, was los ist und welche Beziehungen gelten sollten, sobald man wirklich fühlt, daß man etwas verstanden hat, und man durch zahlreiche Beispiele und durch Quer-bezüge genügend Erfahrung mit diesem bestimmten Problemfeld hat. Und dann stellt sich die Frage: Wie beweist man es? Das kann lange dauern. ... Ich schätze die Bedeutung von Beweisen nicht so hoch ein. Ich glaube, es ist wichtiger, etwas zu verstehen. ...

Wenn man versucht, Mathematik mitzuteilen, sollte man m. E. im Idealfall versuchen, Verstehen zu vermitteln, Das ist im Gespräch ziemlich leicht. Wenn ich mit Leuten zusammenarbeite, tauschen wir unsere Ideen auf diesem Verstehensniveau aus C wir verstehen Problemfelder und wir halten uns an unsere Intuition.

Wenn ich Vorträge halte, versuche ich immer, die wesentlichen Eigenheiten eines Problemfeldes mitzuteilen. Aber wenn man einen Artikel oder ein Buch schreiben muß, wird es viel schwieriger. Ich schreibe Bücher ungern. In Artikeln gebe ich mir Mühe, die wesentlichen Ideen in der Einleitung darzulegen. Aber man ist natürlich verpflichtet, einen Beweis zu geben. Also macht man es.

Die meisten Bücher sind heute weithin viel zu formal abgefaßt, sie tun zu viel, was formale Beweise anbelangt und nicht annähernd genug, was Motivation und die Herausarbeitung von Ideen anbelangt. ... Ich halte es für sehr unglücklich, daß die meisten Bücher in diesem übertrieben abstrakten Stil geschrieben sind und nicht versuchen, Verständnis zu vermitteln" (Atiyah 1984: 16f).

,,Was den Verlust des Glaubens an die absolute Sicherheit der Mathematik angeht, scheint mir das weder besondere überraschend noch besonders wichtig. Mich verwundert es eher, daß es überhaupt Leute gab, welche die ,absolute Sicherheit" der Mathematik behauptet haben. ... Es stimmt mit der Erfahrung in der Mathematik nicht überein, Mathematik als Quelle oder als Träger absolut sicherer Erkenntnis entwickeln und auffassen zu wollen. ... Ein Beweis ist eine Form mathematischen Diskurses. Seine Funktion besteht darin, Mathematiker als Praktiker einer allgemein geteilten Mathematik zusammenzuhalten. ... Ein Beweis erhält in der Mathematik seinen Status erst, wenn er als Beweis akzeptiert worden ist. Dieser Anerkennungsprozeß findet unter den praktizierenden Mathematikern statt. Fermat schrieb, daß es ,das Wesen des Beweises ist, Überzeugung zu erzwingen'. In dem Maße, in der die Überzeugungskraft auf Einsicht beruht, werden (relativ) inhaltlich-anschauliche Beweise weiterhin eine wichtige Rolle in der Mathematik spielen. Beweise, die Einsicht in die relevanten Begriffe vermitteln, sind für uns als Forscher und Lehrer interessanter und wertvoller als Beweise, die nur die Gültigkeit der Behauptung belegen. Wir haben Beweise gern, die das Wesentliche herausstellen. Wenn der einzig verfügbare Beweis eines Resultats künstlich oder hergeholt erscheint, sind wir irritiert. Wir halten inne und denken nach. Anstatt uns weiterbewegen zu können, sitzen wir fest. Ich erwähne diese wohlbekannten Tatsachen nur, um zu betonen, daß ein Beweis nicht nur ein logisches System von Beziehun gen zwischen verschiedenen Sätzen, Axiomen und Definitionen ist, sondern auch eine diskursive Struktur für die mit Mathematik befaßten Personen. Als solche kann sie Gegenstand sehr verschiedener Aktivitäten sein" (Long 1986: 616).

Von diesen Erfahrungsberichten aus erster Hand leiten wir folgendes Bild über die Rolle von Intuition und sozialer Verständigung bei der Ausarbeitung und der Überprüfung von Beweisen in der Mathematik ab:

(1) Die Stichhaltigkeit eines Beweises ergibt sich letzten Endes nicht, zumindest nicht nur, aus dessen formaler Darstellung innerhalb einer axiomatisch-deduktiven Systematik, sondern aus der intuitiven Kohärenz der im Beweis aufgezeigten begrifflichen Beziehungen und ihrer Übereinstimmung mit den Erfahrungen der Forscher.

(2) Bei den hochkomplexen abstrakten Theorien der höheren Mathematik ist um der begrifflichen Klarheit und Übersicht willen ein entsprechender Grad von formaler Darstellung unerläßlich. Ein verständnisvoller Umgang mit dem Formalismus setzt aber eine Eingewöhnung in die Kommunikationsstrukturen der beteiligten Forscher sowie ein intuitives Verständnis der untersuchten Objekte und des konstruktiven Umgangs mit ihnen voraus. Jede mathematische Theorie bezieht sich auf eine Klasse von Objekten, die sich in vielfältiger Weise darstellen lassen und die durch diese Darstellungen für ein operatives Studium ihrer Eigenschaften und Beziehungen zugänglich werden. Mathematik ist eine ,,quasi-empirische" Wissenschaft (Lakatos 1987: 29ff, Jahnke 1978).

(3) Beweise dienen in erster Linie dazu zu verstehen, warum der betreffende Satz gilt. Im Fluß des Verständnis- und Verständigungsprozesses unter den Forschern werden Beweise (und Sätze!) ausgearbeitet, umgearbeitet, umformuliert, verallgemeinert, präzisiert, verbessert usw. Im Verlauf dieses Prozesses können sich die Kriterien der Strenge verändern. ,,Absolut strenge" Beweise gibt es nicht.

 

 

3. Das elementarmathematische Forschungsprogramm der Mathematikdidaktik

 

Die veränderte Sichtweise des Beweisens führt uns für die Mathematikdidaktik zu folgenden Konsequenzen:

(1) Im sozialen Kontext ,Schule' besteht für das Lehren und Lernen von Mathematik eine andere Verstehensgrundlage und ein anderer Kommunikationsrahmen als in der mathematischen Forschung. Eine sinngemaße Übertragung von Beweisaktivitäten in die schulischen Rahmenbedingungen erfordert daher eine Loslösung von formalen, deduktiv durchorganisierten Darstellungen der für die Schule relevanten elementarmathematischen Gebiete zugunsten inhaltlich-anschaulicher Darstellungen. Diese sind gekennzeichnet durch Einbettung in sinnvolle Kontexte, durch Entwicklung von Motivationen, durch ein Vorgehen gemäß heuristischen Strategien, durch die Verwendung bedeutungshaltiger präformaler Darstellungen und durch entsprechende inhaltlich-anschauliche Beweise. ,,Rettet die Phänomene!" muß auch die Parole der Mathematikdidaktik sein.

(2) Inhaltlich-anschauliche Beweise sollen in erster Linie dem Verstehen von Gesetzmäßigkeiten dienen und müssen daher in den Lernprozeß der Schüler und ihre Verständigung untereinander eingebettet werden. Lakatos' Buch ,,Beweise und Widerlegungen" (Lakatos 1979) bietet hierfür ein sehr schönes Vorbild.

(3) Die mathematische Ausbildung von Lehrerstudenten muß einen je nach Schulstufe angemessenen Anteil von Elementarmathematik in inhaltlich-anschaulicher Darstellung enthalten, damit eine brauchbare Grundlage für den Entwurf und die Umsetzung didaktisch begründeter schulmathematischer Konzeptionen geschaffen wird. Zusammenhängende inhaltlich-anschauliche Darstellungen elementarmathematischer Gebiete bieten den Studenten ein einschlägiges Berufswissen, das um Größenordnungen effektiver ist als das aus formalen Darstellungen abzuleitende ,,Hintergrundwissen".

Innerhalb der Mathematik haben formale Darstellungen der Elementarmathematik eine große Tradition (vgl. z. B. Lenz 1967, Griffiths/Hilton 1976-1978), die wir ausdrücklich würdigen. Auch wenn solche Darstellungen vielfach didaktisch relevante Ausführungen über Mathematik enthalten, greifen diese Ansätze von unserem Standpunkt aus dennoch zu kurz. Daneben aber gibt es in der elementarmathematischen, mathematikhistorischen, schulmathematischen und didaktischen Literatur zahlreiche Ansätze für inhaltlich-anschauliche Darstellungen einzelner Probleme, Problemkreise oder Gebiete (vgl. z. B. Sawyer 1964, Engel 1973/1976). Diese Ansätze zu vereinheitlichen, zu systematisieren, insbesondere unter Entwicklung einer ,,Grammatik" zeichnerischer und konkreter Darstellungen, ist u. E. eine außerordentlich wichtige Forschungsaufgabe der Mathematikdidaktik, die wir als ihr ,,elementarmathematisches Forschungsprogramm" bezeichnen möchten. Die Verfügbarkeit umfassender inhaltlich-anschaulicher Darstellungen der Arithmetik, der elementaren Algebra, Geometrie, Analysis und Stochastik würde zu einer stärkeren Integration der mathematischen, pädagogischen, psychologischen und praktischen Komponenten der Mathematikdidaktik beitragen und u. E. eine neue Stufe mathematikdidaktischer Forschung, Entwicklung und Lehrerausbildung eröffnen.

Um anzudeuten, daß dieses Programm weit über die Mathematikdidaktik hinausreicht, zitieren wir abschließend den Mathematiker Nowoshilow, Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften: ,,Die in sich geschlossene sterile Mathematik ist nicht nur ein ,Luxus', den sich die Zivilisation erlauben kann", wie Dieudonné gesagt hat (Anm. d. Verf.), ,,sondern auch eine unvermeidliche Folge der Zivilisation. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist der Kampf gegen die Verbreitung des mathematischen Formalismus unter der Weltbevölkerung eine ökologische Aufgabe" (Nachwort in Blechman/Myschkis/Panovko 1984: 326).

 

 

Literatur

 

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